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Von Karl Wegele bis Oliver Kahn: 
Karlsruher Helmholtz-Gymnasium ist die „Schule der Fußball-Helden“


Von Thomas Alexander Staisch


Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. Ein berühmter Fußballspieler, Deutscher Meister und Nationalspieler gar, der am Karlsruher Helmholtz-Gymnasium die Schulbank drückte? Na klar, Oliver Kahn, wer sonst! Und nicht wenige „Helmhöltzler“ (wie beispielsweise der Autor) erinnern sich noch lebhaft an die bewegende Szene, als „Oli“ nach seinem ersten Auftritt im KSC-Trikot mit Applaus und Jubelrufen im Schulhof gefeiert wurde – obwohl die Premiere des späteren Weltklassetorwarts beim 0:4 in Köln im November 1987 noch nicht ganz so „titanmäßig“ ausgefallen war.


Im Helmholtz-Gymnasium wurden die ersten Kicker-Helden ausgebildet


Weniger bekannt ist dagegen, dass neben dem dreifachen Welttorhüter und Vizeweltmeister von 2002 noch viele nicht minder berühmte Fußballstars die am 8. Januar 1896 gegründete Schule am Mühlburger Tor (sic!) besucht haben. Denn nach neuen Recherchen des Autors lässt sich nun behaupten: In Karlsruhe stand (bekanntermaßen) eine der Wiegen des deutschen Fußballsports – und im Helmholtz-Gymnasium wurden die ersten Kicker-Helden ausgebildet!

Obwohl mehr als 100 Jahre alt, lügen die noch existierenden Schüler- und Notenlisten der früher als Oberrealschule und „Friedrichschule“ (heute noch über dem Hauptportal zu lesen) bezeichneten Lehranstalt nicht: Schwarz auf weiß sind dort Namen und (amüsanterweise) auch Zensuren und Verfehlungen der künftigen Fußball-Stars nachzulesen. So bekam Phönix-Karlsruhe-Rechtsaußen Karl Wegele im Schuljahr 1905/06 mit exakt „18 ¾ Jahren“ sein Reifezeugnis überreicht – als einer von nur 13 Schülern. Was der „Abiturient“ damals wohl noch nicht ahnte: Knapp drei Jahre später sollte der pfeilschnelle Flügelstürmer mit seiner Mannschaft Deutscher Fußballmeister werden, nach einem 4:2-Sieg über den großen Favoriten Viktoria Berlin. Seit diesem Überraschungscoup darf sich der Nachfolgerverein KSC „Deutscher Meister 1909“ auf die Fahnen schreiben, bis heute der größte Erfolg der Blau-Weißen.

Am Ende seiner Schulzeit hatte Wegele noch andere Ziele: Während er damals als Berufswunsch „Ingenieur“ angab, wurde er tatsächlich Professor für Mathematik und Chemie und unterrichtete später an einer Karlsruher Schule, allerdings nicht am Helmholtz-, sondern am Kant-Gymnasium. Auf das „Kant“ gingen übrigens auch die beiden Reiser-Brüder Fritz und Otto aus der Phönix-Elf.

Ein Akademiker, der nicht nur als Deutscher Meister, sondern auch als Kronprinzenpokalsieger 1910 und 1912 (einem Vorgänger des DFB-Pokals), Rekordnationalspieler und Olympia-Teilnehmer (1912) gefeiert wurde, wäre heute eine echte Sensation! Danach war Wegele noch lange als Vorstand bei Phönix tätig, bevor er 1960 an einem „Herzschlag“ starb.


Das „Wiesel“ kickte erfolgreich in zwei Uni-Mannschaften


Und wie schnitt der spätere Oberstudienrat und Ehrenspielführer nun in der Schule ab? Interessanterweise kam der künftige Chemie-Prof im Abschlusszeugnis in Chemie nicht über eine 3 hinaus, dafür gab’s in „Turnen“ eine 2 und in „Betragen“ sogar eine 1. In der Gesamtnote erreichte er trotzdem nur eine 3. In Wegeles Abschlussjahr besuchten übrigens 579 Schüler die Oberrealschule (eine in Deutschland seit 1882 genehmigte, neunjährige und lateinlose Schule, mit deren Reifezeugnis man studieren konnte), laut Akteneintrag alles Jungen und insgesamt „548 Badener“. 77 davon verließen die Schule, 399 wurden versetzt – abzüglich der 13 „Abiturienten“ drehten also stolze 90 Schüler eine Ehrenrunde. Phönix-Ehrenspielführer Wegele, von der Sportpresse schon mal liebevoll „Wiesel“ und „Iltis“ genannt, kickte danach noch erfolgreich in den Uni-Mannschaften von Karlsruhe und Heidelberg. Der 15fache Nationalspieler war 1897 zusammen mit Teamkollege Otto Michaelis in die Schule eingetreten, der als Torwächter den Endspielsieg 1909 festhalten sollte.

Was die Schüler in Wegeles „Abi-Jahr“ beschäftigte? Laut Schulakten war Deutsch- und Geschichts-Professor Leonhard Müller plötzlich verstorben, Ausflüge waren in den Schwarzwald, Odenwald und die Haardt gegangen, am 26. Januar war die jährliche und öffentliche Feier zu Ehren des „Geburtsfestes Seiner Majestät, des Kaisers“ veranstaltet worden und das Schuldgeld sollte auf 84 Mark pro Schuljahr erhöht werden – 39 bedürftige Schüler hatten Schulgeldnachlass erhalten. Bei einer dieser öffentlichen Veranstaltungen hatte Wegele sogar ein französisches Lied (im Duett) vorgetragen.

Sauber, sauber: In der Schule wurden außerdem auch „Bäder ausgegeben“ – das „Duschbad“ in der Anstalt wurde in jenem Schuljahr knapp 1000 Mal genutzt. Mathematik wurde übrigens fünf Mal pro Woche unterrichtet, Deutsch vier Mal, „Schreiben/Stenographie“ zwei Mal – und „Singen“ nur ein Mal.

„Wiesel“ Wegele und Goalie Michaelis waren aber beileibe nicht die einzigen Star-Kicker der Oberrealschule: Auch Phönix-Legende Arthur Beier fing im Schuljahr 1889/90 am Helmholtz an (in den Anfangsjahren waren dort knapp 500 Schüler verzeichnet, manchmal schaffte nur ein einziger „Abiturient“ seinen Abschluss!), er ging wohl aber 1896 wieder ab – sein Zeugnis ist leider nicht überliefert, da erst ab 1900 Notenlisten existieren. Vielleicht fehlte auch einfach die Zeit zum Lernen: Mittelläufer Beier führte ein Sport-Geschäft in der Kaiserstraße. Er hatte es von seinem Vater geerbt, der früh gestorben war. Der „Papa Phönix“ gilt als Fußballpionier, der u.a. die Stuttgarter Kickers, Holstein Kiel und eben Phönix Karlsruhe gegründet hatte. Er war Kapitän und Trainer der Meisterelf von 1909 und nahm auch am so genannten Ur-Länderspiel Deutschland gegen England (0:7) im Jahr 1899 teil.


Und so geht es munter weiter: Phönix-Linksaußen und Nationalspieler Emil Oberle „baute“ dort 1907/08 mit „18 ¾ Jahren“ sein Abi. Er war einer von 22 Schülern, als Berufswunsch gab er „Bankfach“ an und wurde folgerichtig auch Direktor der Deutschen Bank – und zwar in Konstantinopel (Istanbul), wo man das noch „Doyce Bank“ schrieb. Bereits 1905/06 war er kurzzeitig in die Türkei gereist, hatte aber die Schule dann fortgesetzt. An den Noten kann die steile Karriere allerdings kaum gelegen haben: Oberle verabschiedete sich mit einer Gesamtnote von 3 aus Deutschland – der Modellathlet und Deutsche Fußballmeister kam im „Turnen“ nicht über ein „befriedigend“ hinaus, bei den Fremdsprachen (Englisch, Französisch) erreichte er gerade noch ein „ausreichend“. Aus der Meisterelf ist zudem Stürmer Wilhelm Noe auf der Oberrealschule zu finden (1901/02), der wie im Verein seinem großem Bruder Hilmar (nachgewiesen 1899/00) gefolgt war. „Nolle“ hatte beim 4:2-Finalsieg 1909 gleich doppelt getroffen.


Einträge in der Sparte „Versäumnisse“ fallen auf


Auch Sportkamerad Ernst Karth, ebenfalls ein „Deutschmeister“, drückte am Helmholtz die Schulbank – ab dem Schuljahr 1901/02 ist sein Aufenthalt aktenkundig. Der Koloss in der Verteidigung, der sportlich keine Gefangenen machte, war in der Schule laut Notenspiegel eher ein Feingeist. Obwohl zwei Einträge in der Sparte „Versäumnisse“ auffallen, überzeugte Karth in den Bereichen „Ordnung“ (Gesamtnote 1), „Betragen“ (1), „Fleiß“ (2), aber auch Religion (2), Geographie (2) oder Kalligraphie (2).

Um es kurz zu machen: Von den schwarzblauen „Feenixlern“ besuchten außerdem Egon Itta (1899/00 nachgewiesen; er malte das bekannte Bild des „Engländerplatzes“) und Adolf Firnrohr (1907/08) die „Kicker-Schule“ – er fiel 1914 im Krieg, sein Bruder Emil fertigte das berühmte Ölgemälde von Arthur Beier an, das heute im KSC-Fanshop zu bestaunen ist. Zudem ist noch ein großer Vorgänger von Oli Kahn in den Schulakten verzeichnet: Phönix-Torhüter Karl Göltz aus Angelbachtal machte mit „19 1/4“ Jahren im Schuljahr 1908/09 Abitur, im Turnen war er Klassenbester, in Chemie reichte es nur zu „mangelhaft“. Damals gab er „Bankfach“ als Berufswunsch an, wurde aber Doktor der Medizin – und Zahnarzt in Heidelberg. Im ältesten Film des deutschen Fußballs – beim Halbfinal-Derby KFV gegen Phönix 1910 (2:1) – ist Göltz zwischen den Pfosten zu bewundern.


Doch was wäre eine Schule der Fußball-Helden ohne Spieler des großen Konkurrenten Karlsruher FV, die 1910 Meister wurden und zusammen mit Phönix die Ausnahmestellung des Karlsruher Fußballs in Deutschland begründeten? Auch damit kann gedient werden: Der Autor fand Zeugnisse von Verteidiger-Star Ernst „Holler“ Hollstein (1905/06, der aus der Jugend von Phönix kam), Nationalspieler und KFV-Legende Max Breunig (1899/00) und auch von Stürmerstar Julius „Juller“ Hirsch (1901/02), der 1943 von den Nazis im KZ ermordet wurde. Hirsch absolvierte die Schule von 1898 bis zur Mittleren Reife, seine Noten sind überliefert. So kam der 7-fache Nationalspieler erstaunlicherweise nicht über eine „4“ in Sport hinaus, in Geometrie erhielt er sogar eine „5“ und bei „Versäumnissen“ hält er mit sechs Einträgen den negativen Rekord aller entdeckten Fußballer-Zeugnisse. Dafür ragte Hirsch bei Betragen (Gesamtnote 1) oder etwa Religion (2) heraus. Sturm-Kollege und Rekordtorschütze Gottfried Fuchs besuchte übrigens das spätere Goethe-Gymnasium.


Schade also, dass im Helmholtz vor 100 Jahren noch niemand an eine Schul-Fußballmannschaft gedacht hatte (wie etwa dann in den 1980er Jahren, als man sogar einen Kahn im Tor aufbieten konnte) – mit all den Ausnahmefußballern wäre man sicherlich schwer zu schlagen gewesen.


Nachtrag: Als einer der ersten Gratulanten schickte der damalige Karlsruher Bürgermeister Karl Siegrist ein Telegramm zur Meisterschaft 1909. Wo er auf der Schule war? 1893/94 findet man einen Karl Siegrist in den Helmholtz-Akten ...


Vielen Dank an das Helmholtz-Gymnasium für die tatkräftige Unterstützung, besonders an Frau Tatsch, Frau Burkart, Herr Zimmerlin und Frau Ehrenfeuchter.



alt


1) Die Meistermannschaft von Phönix Karlsruhe 1909: Das Helmholtz-Gymnasium besuchten Torwart Otto Michaelis (hintere Reihe, 1.v.li.), Kapitän Arthur Beier (hinten, 4.v.li.), Doppeltorschütze Wilhelm Noe (hinten, 6.v.li.), Verteidiger Ernst Karth (kniend) und die Nationalspieler Karl Wegele (vorne, 1.v.li.) sowie Emil Oberle (vorne, 3.v.li.).


Credits: Archiv Staisch





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2) Der ,FC Bayern der Kaiserzeit', der Karlsruher FV 1909: Im Helmholtz waren Verteidiger-As Ernst Hollstein (3.v.li.), Nationalelf-Stürmerstar Julius Hirsch (6.v.li.) und Mittelläufer-Legende Max Breunig (ganz re.).


Credits: Archiv Staisch






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3) Voller Einsatz: Karl Wegele kommt beim Länderspiel gegen England 1913 (0:3) gegen Torwart Brebner zu spät


Credits: Archiv Staisch









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4) Entdeckt: Das Abi-Zeugnis von Phönix-Star Karl Wegele aus ,K' (=Karlsruhe), geboren 27.9.1887, evangelisch, Vater: Kaufmann, Gesamtnote (g.li.):

eine 3.


Credits: Helmholtz-Gymnasium








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5) Meisterwerk: Das Ölgemälde von Phönix-Legende und Kapitän Arthur Beier – er besuchte das Helmholtz – kann man heute im KSC-Fan-Shop im Wildpark bestaunen. Wenn einem nicht gerade ein Buchautor (Thomas Alexander Staisch) die Sicht versperrt ...


Credits: Nagy














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