„Wie eiskalt ist dies’ Händchen…“ 

Wer jetzt glaubt, dass dies etwa ein Schülerzitat nach einem erlebnisreichen Wintersporttag sei, liegt leider völlig falsch. Denn das Händchen gehört zu Mimi und es ist Rodolfo, der es berührt und der erschüttert den ungesunden Zustand seines Gegenübers feststellen muss. Den Kennern – und dazu gehören nun auch die Schülerinnen und Schüler der Klasse 8d – ist spätestens jetzt klar: Wir sprechen von Giacomo Puccinis Meisterwerk „La Bohème“. Gemeint sind damit die Künstler, die sich im 19. Jahrhundert in Paris niedergelassen haben, ständig in Armut und widrigen Verhältnissen lebten, dafür aber völlig ungebunden und frei ihren Künsten nachgingen. Und in diese Opern-WG aus einem Musiker, einem Philosophen, einem Maler und einem Poeten (eben jenem Rodolfo) platzt nun unvermittelt Mimi hinein, eine junge Nachbarin, die um Feuer bittet, um ihre Kerze wieder anzuzünden. In der Oper geht es – allein schon aus aufführungstechnischen Gründen – ja immer recht schnell mit dem Verlieben und so erleben Mimi und Rodolfo zwar einen rauschenden Abend auf den Straßen des Quartier Latin, verlieren sich aber kurze Zeit später auch wieder, weil Rodolfo für Mimis tuberkulöse Erkrankung keine Verantwortung übernehmen will. Man trifft ein letztes Mal zusammen und Mimi stirbt.  

Eine von den Musikprofil-SchülerInnen im Unterricht selbst erarbeitete Personenkonstellation klärte im Vorfeld den Inhalt. Wie geschickt, differenziert und flexibel Puccini hier mit Leitmotiven (für Personen und Personengruppen, für Orte, für Intentionen) arbeitet, entdeckten sie bei der Analyse verschiedener Klang- und Notenbeispiele. So wird dann auch nachvollziehbar, wie sich fast das gesamte 4. Bild aus lauter musikalischem Material aus dem 1. Bild speist. Eine Ouvertüre gibt es nicht, teilweise finden Liebesduett und Pärchenstreit zeitgleich auf der Bühne statt und man erlebt auch die Orte und Geräusche der Handlung als Zuschauer sehr realistisch mit, kurz: Wir werden Zeugen eines typischen Werkes aus der Phase des sogenannten „Verismo“. 

Ulrich Peters’ Inszenierung am Badischen Staatstheater Karlsruhe, die die SchülerInnen am 17. Januar 2026 (in Begleitung von Frau Rombach und Herrn Fessler) bei einer Aufführung erlebten, stand offenbar ganz in der Tradition eines Franco Zeffirelli (MET, New York) oder eines Götz Friedrich (Deutsche Oper Berlin), die sich optisch stark an der Zeit der Handlung (also der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts) orientierten. So entstand auch in Karlsruhe ein Bühnenbild mit viel Liebe zum Detail und mit faszinierenden Spiel-Räumen für das wunderbare SängerInnen-Ensemble und die Chöre. 

Das alles lässt uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Oper furchtbar endet. 

Glaubt man Rodolfo, so bleiben er und Mimi aber dennoch unsterblich, denn er sagt über sie beide: „Ich bin der Poet, sie ist die Poesie.“ Und da wird’s uns allen – und sei es draußen noch so frostig – doch wieder warm ums Herz, nicht wahr? 

Achim Fessler, Januar 2026